Ein neues Zuhause zum Winterfest – Teil 1: Eine lange Reise

79 vom Blattfall IV-1407

Der Wind fauchte über die schneebedeckten Felder, durch die kahlen Äste, und peitschte Schneeflocken in die Schnauzen der Volpuren. Die Kälte zog durch die dünne, graue Kutte mit der Kapuze, die Talma tief ins Gesicht gezogen hatte, sowie durch das Fell darunter. Das Weiß rülpste unter ihren Füßen und die Kinder winselten. Die Dämmerung brach ein und mit ihr schwand die Hoffnung, in der Nacht eine sichere Bleibe und etwas zu essen, zu finden.
Ihre Reise begann vor einem Monat, als die Lykanthropen ihr Dorf überfielen. Die Schreie, das Krächzen und Jaulen, das sie damals aus dem Schlaf riss, verfolgte sie bis heute.
Seit ein paar Tagen reisten sie zu acht.
Oke blieb stehen und zeigte mit dem Finger nach Westen. »Seht, dort scheinen Lichter!« Talma hob den Kopf und zog die Kapuze zurück. In der Ferne funkelten winzige Sterne.
»Das ist Brunnholt!«, sagte Renke. »Wir haben es fast geschafft.«
Talma spürte, wie ihr Körper leichter wurde und die Strapazen von ihr abfielen.

+++

Der Trubel auf der Brücke übertönte das Rauschen der Eske darunter. Sie war mit Volpuren überfüllt, deren Ziel ebenfalls das Kaiserreich Sevendal war. Zwischen ihnen liefen mit schweren, dumpfen Schritten, Wachen in silbernen Rüstungen umher. Mit den Hellebarden, die sie in ihren Händen trugen, zeigten sie, auf die Lichter der Stadt vor ihnen.
Ein großer schlaksiger Posten kam auf die Gruppe zu. Er hielt ihnen seine Laterne vors Gesicht und nickte, dann rief er etwas, zu seinem Kameraden.
Ozeana, das Mädchen übersetzte: »Acht Volpuren – zwei Männer, drei Frauen, drei Kinder.« Der Mann wandte sich wieder der Gruppe zu. »Ihr seid wohl geflüchtet?«, sagte sie.
Alle nickten.
»Ihr könnt durch, aber das Lager bei Brunnholt würde ich euch nicht empfehlen.« Er zeigte nach Westen, zu den Lichtern in der Ferne. »Es ist überfüllt. Krankheit und Tod wüten bereits dort.«
Talma sah das Kind an. Als sie die Worte hörte, zog sich ihr Magen zusammen, die Augen wurden feucht. Jeder Muskel in ihr brannte. »Was sollen wir machen?«
Jetzt war es Renke, Ozeanas Vater, der sich an die Wache wandte und etwas in ihrer Sprache sagte. Der Mann schüttelte den Kopf, dabei klapperte die Rüstung.
»Er sagt, wir können nicht hierbleiben, wir müssen weitergehen.«
Talmas Füße wurden schwerer.
»Kommt, lasst uns weitergehen«, entschied Renke.

Sie überquerten die Brücke, Renke blieb auf der Hälfte stehen und holte tief Luft. »Wir haben es geschafft, wir sind im Kaiserreich«, sagte er. Seine Augen funkelten.
»… und doch noch nicht in Sicherheit«, sagte Oke. »Lasst uns schnell weiterziehen, sonst war es ein kurzer Besuch.«
Der Wind peitschte die riesigen Schneeflocken über das freie Land, Wehen türmten sich auf den Wiesen und Feldern. Renke zeigte in Richtung der Lichter der Stadt. »Da ist Brunnholt«, sagte er. »Lasst uns versuchen, für diese Nacht dort eine Unterkunft zu finden.«
»Aber sagten sie nicht, es ist alles voll?«, erwiderte seine Frau.
Er zuckte mit den Achseln. »Wo willst du sonst hin? Wir müssen es versuchen, vielleicht haben wir ja Glück.«
Talma seufzte und nickte. Sie trabten weiter durch den Schnee.


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