Jabroot: Blutrot

Jabroots Telefon klingelte. Das Display seines Smartphones zeigte den Grafen Friederich zu Hohenberg-Siebenschnabel an. Das bedeutete nichts Gutes. Schnell schob er mit dem Finger über das Display und hielt sich das Handy ans Ohr. »Was se is?«
»Jabroot! Schnell. Du musst sofort herkommen. Ich brauche deine Hilfe. Die Gräfin … «, stotterte es aufgeregt am anderen Ende.
»Beruhige sich«, sagte Jabroot. »Beruhige sich und ich komme.«
»Ja gut, aber, egal, was du siehst. Sag keinem davon.«
Jabroot holte tief Luft und verdrehte die Augen. Es war eigentlich sein freier Tag. Na, was solls, dachte er und zuckte mit den Schultern. Er lief schnell zu seinem Auto, den Fiat Cinquecento. Die Tür klagte ihn ein wehleidiges Seufzen, als er sie öffnete, auch die Federn des Sitzes jammerten, als sie die Last des Afghanen zu spüren bekamen. So dick war er doch gar nicht. Er drehte den Schlüssel um. Das Auto ächzte vor sich her. Beim zweiten Mal klang es noch schlimmer. Beim 3. Mal sprang es endlich an und er fuhr los.
Während er mit Knattern und einer grauen Rußwolke den Parkplatz verließ, überlegte er, was denn passiert sein könnte und die Gräfin wieder angestellt hat. Hoffentlich ist ihr nichts Ernstes zugestoßen, dachte er, obwohl ihr eine Ohrfeige guttun würde, wie sie doch ihren Grafen immer wieder belogen und betrogen hatte.
Er fuhr zur Villa Rühl in der Kassler Nordstadt, hielt vor dem Tor und klingelte. Nach einer Weile hörte er in der Gegensprechanlage den Grafen. »Jabroot! Ich mache auf. Komm, schnell!«
Jabroot fuhr durch das selbstöffnende Tor, stellte den Motor ab und stieg aus. Die Federn des Sitzes schienen ein freudiges Geräusch zu machen, als er aufstand. Dann ging er zur Tür.
Da stand auch der Graf bereit. Er schmiss die Hände aufgeregt vor sich her. Sein Kopf war rot, wie eine ebensofarbene Paprika.
»Jabroot! Schnell, in der Küche.« Er zeigte mit dem Arm ins Haus.
»Was se is?«, fragte Jabroot.
»Frag nicht, sieh selbst!«
Neugierig und mit einem mulmigen Gefühl im Magen ging Jabroot durch den Flur. Der sonst mit Marmor ausgelegte Raum kam ihm heute dunkler vor, als sonst. Er sah auf den Boden. Rote Fußspuren. Sein Magen zog sich zusammen. Jetzt vernahm er auch den süßlichen Geruch in der Luft. Er spürte, wie der Schweiß ihn von der Stirn tropfte.
Jabroot fühlte sich in die Zeit zurückversetzt, als er in seiner Heimat, Chora, seiner Heimatstadt in Afghanistan von den Taliban überfallen und vertrieben wurde.
Er ging langsamer, der Graf folgte ihm.
»Was is passierte?«, fragte Jabroot und zeigte auf die roten Fußspuren. Der Graf brach in Tränen aus. »Ich wollte es nicht«, sagte er und hielt sich die Hände vor dem Kopf. »Die Gräfin. Sie war wieder bei einem dieser Kerle. Wie sie zurückkam, so aufgedunsen, da habe ich sie gefragt, wo sie war, und sie lächelte mich nur an. Da ist es passiert …«
Jabroot stand am Eingang zur Küche. Die Tür war sperrangelweit auf. Was er sah, versetzte ihm einen Stich. Die Wände waren blutrot verschmiert, der ganze Tisch war voller dunkelroter Flüssigkeit, die auf dem Boden tropfte und Pfützen bildete. Der Herd, die Schränke, sogar die Gardinen hatten rote Streifen. Er sah in eine Ecke und erst jetzt bemerkte er die Kettensäge, die dort stand. Das Blatt hatte dieselbe Farbe, wie die Flecken in der ganzen Küche.
Hatte der Graf etwa? Er wagte nicht dran, zu glauben. Er wusste, dass er fragen musste, aber traute sich nicht.
»Kannst du mir helfen, die Schweinerei wegzumachen? Sag bitte keinem davon«, betet ihn der Graf mit tränenverschmiertem Gesicht an.
»Wo is Grafin?«, fragte Jabroot.
»Sie ist weg.«
»Wie weg. Ihr habt niche oder?«
Der Graf nickte ihm zu. »Doch.« Unter Tränen mit Blick zu Boden fing er an zu reden. »Sie ist bei einem ihrer Lover gewesen. Ich habe das Parfum von ihm gerochen. Coco Chanel. Weißt du, sie hat mir gesagt, dass sie zum Yoga geht. Ich wollte sie mit Kassler und einer schönen Paprikasoße überraschen. Und da steht sie da und stinkt noch nach dem sein Parfum. Weißt du, wie ich mich gefühlt habe?«
Der Blick, die aufgerissenen Augen. Jabroot schüttelte mit dem Kopf. »Aber sie könne doch nicht Frau.«
Der Graf nickte. »Doch, ich kann. Ich habe mit dem Topf nach ihr geschmissen. Mir hat es gereicht. Ich koche Fressen für die und die betrügt mich. Da flog alles durch die Küche. Die Töpfe, das Fleisch, einfach alles. Es reicht mir! Soll sie doch das nächste Mal bei dem was fressen. Ich koche jedenfalls nichts mehr für die.«
Jabroot wurde stutzig. »Un, wo iss Leiche?«, jetzt war es raus.
Der Graf sah ihn mit großen Augen und gerunzelter Stirn an. »Wie Leiche? Welche Leiche?«
»Grafin?«, fragte er ganz geniert.
Der Graf fing an zu lachen. »Wenn sie doch mal tot umfallen würde. Die ist abgehauen, wie ich das Zeug nach ihr Schmiss. Bestimmt wieder zu dem.«
Jabroot war erleichtert, als er das hörte. Dann zeigte er auf die Kettensäge. »Aber warum das da?«
»Ich wollte ein paar Äste absägen. Du glaubst doch nicht, dass ich die Gräfin zerteilen würde. Vielleicht gar keine so schlechte Idee.«
Der Graf schüttelte aber den Kopf. »Kannst du mir helfen, hier sauber zumachen? Ich glaube, die Wände müssen wir neustreichen. Naja, das Beige wirkte eher wie im Altenheim. Vielleicht mal eine frische Farbe, so wie Californiagelb. Genau das will ich.«
Jabroot nickte. Er spürte, wie der Kloß in seinem Hals sich auflöste.


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